Reise nach Sri Lanka zur Zeit des Tsunami, 26.12.2004 -12.01.2005

1. Rundbrief vom 31.12.2004                                                                                                                                  

Ihr Lieben,                                            
zunächst einmal kann ich euch mitteilen, dass ich erst bei Eintreffen der Flutkatastrophe in Sri Lanka angekommen bin und es mir bis auf die schrecklichen Bilder, die ich täglich vor Augen habe, gut geht. Tagelang hatte ich schon probiert zu telefonieren, auch mit meinem Handy, aber jedesmal ohne Erfolg, und heute erst habe ich das erste wiedereröffnete Internetcafe in Hikkaduwa gefunden. Nach meiner Ankunft am Flughafen am 26.12. ca. 9 Uhr nahm ich mit zwei anderen Touristinnen einen Minibus, um nach Hikkaduwa zu fahren, sahen schon während der Fahrt, wie in den Kanälen rund um Colombo Wasser einströmte und sich in den Zufahrtsstraßen zum Strand Menschenansammlungen bildeten. Erst südlich von Colombo bekamen wir die ersten Informationen und da auch die Straße von der Polizei gesperrt wurde, mussten wir umkehren und fuhren zunächst in das nicht so stark betroffene Gebiet bei Negombo. Wären wir wenige Stunden früher unterwegs gewesen, hätten wir auch zu den Opfern dieser furchtbaren Katastrophe gehören können. So verbrachte ich zwei Tage in Strandnähe von Negombo, eine Nacht wieder weiter landeinwärts, da neue Alarmmeldungen eintrafen. In Negombo waren die meisten Hotels direkt am Strand zumindest teilweise zerstört und die einfachen Fischerhütten direkt am Wasser total vernichtet. Da ich dieses Mal besonders viel Gepäck dabei hatte mit vielen Geschenken meiner 6. Klasse, ließ ich mich in Negombo von einem Bekannten zu einem Kinderwaisenhaus bringen, und hatte sogar für jedes der 47 Kinder ein Geschenk parat, wie Kuscheltiere, Schreibmaterial und Schulrücksäcke. Das gespendete Geld, das wir beim Frankfurter Weihnachtsmarkt erspielt und ersungen hatten brachte ich noch am 2. Weihnachtsfeiertag zu den armen Fischerfamilien, die vor ihren zerstörten Hütten saßen. All die Obdachlosen versammelten sich vor den Kirchen, um dort Nachtquartier und Schutz vor weiteren Flutwellen zu finden. Am 28.12. entschied ich mich, trotz aller Warnungen, mit den ersten Bussen an die die Südküste zu fahren, da ich vor allem auch erfahren wollte, wie es meinen Bekannten geht. Die Strasse war inzwischen geräumt, aber ich war 11 Stunden unterwegs bis Galle und es waren Bilder des Grauens, überall entlang der Küste Verwüstungen und Menschen, die fassungslos vor den Trümmern saßen, Autos und Busse landeinwärts gespült und total demolliert, Schiffe in den Häfen ineinander verkeilt und auch die Bahnlinie stellenweise total zerstört. In einem vollbesetzten Zug in der Nähe von Hikkaduwa gab es allein etwa 1500 Tote, in ganz Sri Lanka spricht man inzwischen von etwa 40 000 Opfern. Mit dem Bus kam ich an diesem Tag nur bis Galle und fand landeinwärts noch ein Guesthouse, aber nichts mehr zu essen. So machte ich mich am nächsten Tag mit einem Tuktuk (Dreiradtaxi) auf den Weg nach Ahangama und traf meine befreundete Familie (mit Dilani und ihrer Familie) vor ihrem Haus, alle hatten sie sich rechtzeitig auf einen nebenliegenden Hügel begeben. Das Geschäft und die Grundstücksmauern waren nicht mehr zu sehen, aber das Wohnhaus war so weit noch in Ordnung, nur alle Habseligkeiten, Geld und Geschäftsartikel waren fortgeschwemmt oder vom Salzwasser zerstört und der Bus von Lavan zwischen 2 Häusern verkeilt und stark beschädigt.
Zwei Tage blieb ich bei ihnen und habe bei den Aufräumarbeiten geholfen, inzwischen auch die Fischerfamilie, denen ich ein Boot gekauft hatte, wiedergetroffen, Boot und Haus allerdings total zerstört. Die Leute leben immer noch in großer Angst vor weiteren möglichen Flutwellen, ich konnte sie aber ein wenig beruhigen, da bei solchen Erd- oder Seebeben, wenn, dann nur kleinere folgen. Meine befreundete Familie hatte immerhin zwei Nächte lang ein Wachpostenlager am nebenliegenden Hügel errichtet und jeder musste drei Stunden lang in der Nacht die See beobachten. Inzwischen hat sich entlang der Küste eine Hilfskette mit LKWs und Kleintransportern gebildet, die den Menschen Wasser, Nahrungsmittel und Kleider ausgibt.
Heute bin ich nun mit Bus und Tuktuk nach Hikkaduwa gefahren, um noch den großen Schulranzen mit Geschenken einer Familie zu bringen und bin auch einige Meter am Strand entlanggelaufen. Vor Rita's Guesthouse ist das Restaurant total zerstört und auch sonst liegen überall Trümmer am Strand. Am späten Nachmittag werde ich zu meinen Freunden nach Ahangama zurückfahren, um doch noch vielleicht eine kleine Sylvesterfeier zu versuchen. Falls jemand von euch den betroffenen Menschen hier finanziell helfen will, so könnt ihr mir das (mit einem bestimmten Betrag) mitteilen, so kann ich den Menschen hier direkt etwas mehr zukommen lassen. In zwei Tagen werde ich wieder nach Hikkaduwa zurückkehren und nach E-mails schauen.
So wünsche ich euch - bei all den nicht so schönen Erlebnissen hier -  einen guten Rutsch ins Neue Jahr und alles Gute für 2005.
Bis demnächst mit vielen lieben Grüßen,
euer Hartmut

 

2. Rundbrief vom 07.01.05

Ihr Lieben,
nach meiner letzten Mail ist viel passiert, doch hatte ich kaum Gelegenheit und Zeit, mich zu melden. Nach dem ich zwei Tage über Sylvester und Neujahr bei meiner befreundeten Familie verbracht hatte, kam ich hier nach Hikkaduwa zurück, um nach E-mails zu schauen und von hier aus eine kleine Motorradtour ins Landesinnere zu starten, um auch wieder andere Bilder und Eindrücke von diesem Land zu gewinnen. Doch als ich am 02.01. die zahlreichen E-mails las, war ich doch sehr überrascht und betroffen von der großen Spendenbereitschaft von damals 9500 Euro, sogar die Sylvesterkollekten von drei Kirchengemeinden!!! - inzwischen sind es über 13 000 Euro. Zum Glück habe ich dieses Mal außer meiner Visakarte auch die Bankcard dabei, aber so viel Geld kann man in so kurzer Zeit gar nicht abheben. Natürlich habe ich meine damaligen Reisepläne gleich über den Haufen geworfen und mich auf den Weg gemacht, so viel Geld wie möglich den am schlimmsten betroffenen Menschen zukommen zu lassen. So war ich seit letztem Sonntag mit dem Motorrad, was ein Bekannter extra für mich zurecht gemacht hatte (seine Räder waren auch alle vom Salzwasser überflutet) unterwegs entlang der gesamten Südküste zwischen Hikkaduwa und Tissamaharama am Yalapark. Allein, um täglich mit meinen Karten Geld zu bekommen, war ich oft Stunden unterwegs, da etliche Banken noch nicht wiedergeöffnet sind oder auch die Geldautomaten nicht funktionieren. Von Ahangama aus hatte ich in Lakmal (aus der befreundeten Familie) einen guten Begleiter und Helfer und wenn wir von der Straße aus Familien vor ihren total zerstörten Häusern sitzen sahen, hielten wir an, um ihnen mit jeweils 3000 - 5000 Rupies (20-40 Euro) weiterzuhelfen. Das musste oft schnell geschehen, damit nicht zu viele Menschen herbeiströmten, oft genug mussten wir aus Sicherheitsgründen die "Flucht" ergreifen. Im Südosten in den Orten Hambantota und Kirinda war die Flutwelle mit 6 m Höhe besonders groß und reichte bis 2 km landeinwärts, so dass dort riesige Flächen total verwüstet sind, inzwischen zum Teil allerdings auch schon von Räumfahrzeugen abgetragen. Die Überlebenden befinden sich hier meist in Sammellagern in buddhistischen Tempeln oder Schulen und werden hier notdürftig versorgt. In Tissamaharama, wo ich zwei Nächte im Hotel eines Bekannten wohnte, schloss sich uns noch ein weitere Bekannter (ehemaliger Safariführer, er erzählte mir dass die Tiere im Yalapark schon 5 Minuten vor Eintreffen der Katastrophe landeinwärts gerannt sind!) an und so waren wir dort zu Dritt mit dem Motorrad unterwegs, besuchten dort einige Sammellager. Einer erstellte eine Liste aller anwesenden Familien und dann konnten wir unter der Aufsicht des Campleiters, einmal auch mit dem Leiter der dortigen islamischen Gemeinde die Gelder an die Familienoberhäupter verteilen. Es waren oft ergreifende Szenen, die dankbaren Menschen zu sehen und wir versuchten auch vieles davon fotografisch festzuhalten. In den Ortschaften sind die meisten Geschäfte immer noch geschlossen, die Aufräumarbeiten gehen sehr langsam voran und ausländische Hilfe habe ich erst gestern in der Nähe der Touristenorte das erste Mal gesehen, z. B. ein mobiles Krankenhaus von 9 italienischen Ärzten aus Pisa. Meine Zeit geht hier leider morgen zu Ende (es sei denn die Schule stellt mich noch für einige Wochen frei?). Von den vielen Spendengeldern konnte ich inzwischen 8000 bis 9000 Euro den hilfsbedürftigen Menschen direkt zukommen lassen. Da auch schon die Frage nach einer Patenschaft für eine Region hier gestellt wurde, schlage ich vor, dass ich das übrige Geld oder auch weitere Spenden auf ein Konto meiner befreundeten Familie von Deutschland aus überweisen werde und ich Lakmal genau Buch führen lassen, wofür das Geld benutzt wird. So kann ich das bei einer meiner nächsten Reisen hierher etwas kontrollieren.
Auch wenn ich mich ein wenig an die Bilder hier gewöhnt habe, so ist vieles, was ich so sehe immer noch unfassbar und es wird bestimmt Jahre dauern, bis hier wieder der normale Alltag möglich sein wird. Bleibt nur zu hoffen, dass die Touristen spätestens in der nächsten Saison (Dez. - April) wieder auftauchen werden. Die Menschen haben hier in der Küstenregion nicht nur viel verloren, es wird auch für bestimmt 90% der Bevölkerung hier in den nächsten Monaten keine richtige Arbeit möglich sein, die Fischer ohne Boote, vielen ist das Geld im wahrsten Sinne des Wortes weggeschwommen und damit auch der Handel nur begrenzt möglich - und der zugesagten Hilfe der Regierung traut keiner so recht. Umso mehr danke ich allen Spendern, die geholfen haben, vielen einzelnen Familien wenigstens ein bisschen Unterstützung und Hoffnung zu geben und das berühmte Lächeln der Singhalesen wieder etwas aufleuchten zu lassen.
Ich werde nachher nochmals nach Ahangama zu meinen Freunden zurückfahren. Im schönsten Zimmer von Ritas Hotel mit Blick auf das wieder ruhige Meer hier in Hikkaduwa wohnt seit einer Woche als einziger Gast mein großer Reiserucksack, den ich diesmal nicht füllen kann, weil es nichts zu kaufen gibt und werde mich in der Nacht von Samstag auf Sonntag zum Flughafen begeben, um diesmal weniger erholt als sonst wieder heimzukehren.
Auf jeden Fall freue ich mich auf ein baldiges Wiedersehen.

Mit vielen lieben Grüßen, euer Hartmut 

Nachtrag:

Mit weiteren Aktionen am Samstag, den 08.01.05, u. a. auch einer Verteilung von Lebensmitteln an 25 Familien konnte insgesamt 10780 € an die von der Flut betroffenen Menschen direkt weitergegeben werden. Der Spendenspiegel stieg auf ca. 15000 €.

Mein Rückflug nach Frankfurt am Sonntag, 09.01.05, war leider nicht möglich, da Condor seine Flüge seit 04./05. Januar eingestellt hatte. Mit viel Glück konnte ich schließlich am Montag mit einer der letzten LTU Maschienen über München zurückfliegen und kam Dienstag morgen gegen 02.30 zu Hause an, um wenige Stunden später wieder in der Schule zu unterrichten.